Berliner Menschenhass – Folge #2

In der Bahn

Natürlich ist es, neben der unatembaren stickigen Luft, rappelvoll. Während ich grüble wem man die Fülle der Bahn am ehesten ankreiden kann, greifen bereits meine menschenvermeindenden Automatismen. Ich spiele bereits während ich den ersten Fuß in die Bahn setze in der Hosentasche an meinem Handy herum. Um niemanden hinter mir zu haben, lehne ich mich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Tür. Ich empfinde den ersten ruhigen Moment, kurz bevor die S-Bahn losfährt, als am unangenehmsten – weshalb ich auch genau jetzt mein Handy zücke.

Wie immer ist es mir zuerst sehr unangenehm, genau so wie die ganzen anderen Deppen mit der Fresse über dem Smartphone zu hängen.

Ich öffne mein Smartphone mit einem viel zu komplizierten Wisch-Code, was wie ich finde beinah eine kleine moderne Kunstform geworden ist – die Wischmuster unnötig vielseitig und komplex zu gestalten. Oder ist das schon wieder Schnee von gestern? Ich bin zu jung um mich alt zu fühlen –  dachte ich jedenfalls bis jetzt immer.

Ich wische nach rechts um die von Google vorgeschlagenen Artikel durchzublättern.

Yiha! Nur Rotz!

Ausschließlich Bild und FocusOnline Artikel .. dabei lösche ich eigentlich immer alle Bild und Focus Artikel, bis auf die erbärmlichen Richtigstellungen vielleicht. Wieso aber empfiehlt man mir den Dreck trotzdem ständig? Ob wohl Menschen mit ähnlichen Interessen besonders häufig diesen bekackten Drecksblättern auf den Leim gehen?! Oder will mich Google einfach nur in den Wahnsinn treiben?

Ich bin schwer enttäuscht vom Datenmonster. Wenn sie schon jeden von mir im Internet gemachten Schritt verfolgen, könnten sie wirklich besser auf meine Lesegewohnheiten eingestellt sein.

In jedem Fall regt mich die eine Überschrift mehr auf als die nächste, mal Flüchtlingshetze vom Focus, mal unnütz weichgespülte Politkotze (und natürlich immer brav CDU-Linientreu) von der Bild.

Apropos zum Kotzen

Nachdem ich dann doch einen lesbaren Artikel in der Zeit entdeckt habe, bin ich ein klein wenig ruhiger. Was natürlich nicht lange währt – 3 junge Männer mit Musikinstrumenten stehen an der nächsten Station am Gleis. Ich flehe und bete sie mögen nicht in mein Abteil einsteigen. Ich bete natürlich zum einzig wahren Gott, dem fliegenden Spaghettimonster. Alle anderen Götter sind doch eh nur billige Versionen dieses einen allmächtigen.

30 Sekunden später sehe ich mich dem, zu meiner eigenen Überraschung, nur fast unerträglichen Gedudel der 3 Dödel ausgesetzt. Offenbar ist das fliegende Spaghettimonster mir heute nicht sehr wohl gesonnen.

Auf den Gedanken sie könnten Menschen mit ihrer ungefragten Boygroup-Action an den Rande eines mittelschweren Nervenzusammenbruchs bringen, kommen die Burschen leider nicht. Nicht nur, dass ihr vorgetragener Song in wirklich miserablem Englisch daher kommt, auch die Melodie verdient ihrer Bezeichnung nicht. Schaurig schräg singen sie von Heimat und wie man dort hingelangt. Als wäre die Thematik nicht schon einfältig genug, stoßen sie während ihres Durchmarsches durch das Abteil etliche Hinterköpfe und Schultern. In ihren Gesichtern liest man jedoch das Selbstverständnis großer Stars, die es zu bejubeln, mit Höschen zu bewerfen gilt.

Ein älteres Ehepaar mit großen Wanderrucksäcken (Achtung! Touri!) schnippt fröhlich mit und freut sich ganz offensichtlich über die kostenlose Musikeinlage. Nahezu jeder andere Fahrgast würdigt diese unverschämt positive Reaktion mit abschätzigen Blicken. Ich frage mich währenddessen wie ich schnellstmöglich meines Gehörs verlustig werden könnte ..

Ohne zufriedenstellend grausame Idee, bleibt mir lediglich die Freude über den Moment da die 3 Deppen endlich aufhören mich zu foltern. Jedoch wollen sie jetzt natürlich ihren Auftritt in Euronen umwandeln, und steigen in die nächste Belästigungsliga auf .. sie betteln.

Für schlappe 10 Euro gibt es das selbstgebrannte Album in amateurhaft schlechter Raubkopie-Optik. Ich bemitleide die ältere Dame, die sich tatsächlich um ihr Geld bringen lässt. Wie viele Songs wohl auf dem Album der 3 dreisten Nervenräuber sind?! Hoffentlich nicht zu viele.

Endstation

Endlich aussteigen. Zum Glück hat sich der Rest der Fahrt als ausgesprochen erträglich herausgestellt.

Doch es droht bereits die nächste grausame Herausforderung:

Einkaufen am Samstag .. (in Folge #3)

 

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7 Kommentare auf "Berliner Menschenhass – Folge #2"

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Ivonne
Gast

Wie immer sehr unterhaltsam!
Ich komme zwar nicht aus Berlin, aber den musikalischen Terror in Bahnen kenne ich nur zu gut ;)

Lieben Gruß

bearjs112
Gast

Das Mitfahren in der S- bzw. U-Bahn scheint ein lohnendes Geschäft zu sein,
da nach dem Aussteigen des einen kurze Zeit später schon der Nächste in das Abteil einsteigt, um „Musik“ zu machen, eine Zeitung zu verkaufen oder „einfach nur“ zu betteln.
Die wenigen Tage in Berlin und das Mitfahren in den Öffis reicht mir dann für die nächste Zeit.
Nichts gegen Kleinkunst in der Fußgängerzone diverser Städte, aber lästig sollte das nicht werden und das ist in Berlin an Nah- und Fernbahnhöfen schon des öfteren erreicht.

Lo
Gast

O je…. Das klingt alles so schlechtgelaunt.
Und ich erinnere mich an einen Artikel, der vom Ärgern handelte:
darin wird der Satz. „Ich ärgere mich“ als sehr wörtlich deutbar beschrieben.
Wer ärgert wen?
Ich. Mich.
;-)

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