Das Wartezimmer (Rohfassung)

Meine erste Kurzgeschichte

Endlich! Endlich steht das Gerüst auf dem meine Geschichte halt finden soll. In Gedanken sitze ich bereits vor meinem Computer und schäme mich meiner amateurhaften Freude über etwas so winziges. Beziehungsweise will ich alles ändern, umschreiben, verbessern, Fehler finden, ausmerzen.

Doch für den Moment strömt die pure Heiterkeit durch mich, im Wissen eine erste kleine Geschichte ihrem Ende zugeführt zu haben.

Doch nun, bitte, lest selbst.

Und urteilt, sofern ihr wollt.

Oder, ladet Euch die Kurzgeschichte als PDF und lest sie später – DasWartezimmer.pdf – Download

Das Wartezimmer

„BITTE NEHMEN SIE IM WARTEZIMMER PLATZ, SIE WERDEN AUFGERUFEN“ stand in Blockbuchstaben auf dem gelben, leicht vergilbten Zettel auf dem Empfangstresen.

Wobei ich mir da nicht mehr sicher war, als die alte untersetzte Empfangsdame ohne mich eines Blickes zu würdigen an mir vorbei in Richtung der Behandlungszimmer flitzte. Ich fand, sie müsse einst eine hübsche Fraue gewesen sein. Inmitten der verbrauchten, von Stress gezeichneten Gesichtszügen glitzerten noch immer kräftig grau schimmernde Augen.

Nun saß ich also völlig allein im Wartezimmer, und genoss die Stille, welche sich in solchen Zimmern sonst nie auch nur länger als von einem Huster zum Nächsten hielt.

Ohnehin war ich sehr froh der einzige Patient zu sein. Auf eine kurze Wartezeit hoffend, wagte ich es einen Blick auf die Magazinauslage zu werfen.

Ohne mir dessen bewusst zu sein, schnaufte ich schmunzelnd über die sich mir bietende Auswahl.

Doch zwischen dem neuesten Tratsch über dies und jenes Königshaus lag auch ein relativ souveränes Lokalblatt, welches ich schließlich außerkor meine hoffentlich ausgesprochen kurzzeitige Lektüre zu sein, bis die vergilbten Lautsprecher, vermutlich unverständlich, meinen Namen ausrufen würden.

Während ich mit dem zuerst als relativ souverän erdachten Lokalblatt, das nach ausgiebiger Studie nun doch eher in die Kategorie „Klatsch und Tratsch“ gehörte, fast fertig war, wunderte ich mich allmählich über die bereits vergangene Zeit.

Um meinen anschließenden Termin nicht zu verpassen entschied ich, auf die Gefahr hin den heiligen Zorn der Vorzimmerdamen zu beschwören, mich auf die Suche zu begeben und im besten Fall ohne Schimpftirade davonkommend der Frau meine Zeitnot deutlich machen zu können. Als ich also gerade aufstand um mich in Richtung der Behandlungsräume aufzumachen, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass gerade jemand zur Tür hereinkam.

Aus einem mir unerfindlichem Anflug von Scham entschloss ich blitzschnell den Weg an der Magazinauswahl zu unterbrechen, und lediglich mein Schundblatt zurück zu den anderen zu legen.

Noch während ich damit beschäftigt war die Zeitung irgendwo zwischen den anderen zu verstauen, schloss sich gerade die Eingangstür.

Ein möglichst unverbindliches „Guten Tag“ murmelnd setzte ich mich wieder auf meinen Platz.

Weder dass der junge Mann mich nicht grüßte, noch sein ausdrucksloses Gesicht schienen mir im ersten Augenblick merkwürdig. Schließlich sind wir beim Arzt, da sind Ausdruckslosigkeit und nichtssagende Gesichter vermutlich am häufigsten anzutreffen.

Als er jedoch den Spuren der dicken Empfangsdame folgte, und mit überraschender Zielstrebigkeit im Gang der Behandlungsräume verschwand, zweifelte ich an meinem ersten Eindruck. Ein normaler Patient kann er kaum gewesen sein, so zielstrebig wie er in Richtung der Behandlungsräume stürmte.

Höchstwahrscheinlich war er doch einfach nur der Sohn oder Bruder von irgendwem, und konnte sich deshalb vollkommen frei in den Räumen der Praxis bewegen.

Zu meiner Freude schien mich mein Glück nicht vollständig verlassen zu haben, denn die rundliche Frau vom Empfang kam endlich aus einer der Türen gestapft.

„Wann kann ich denn zum Doktor? Dauert es noch sehr lange?“ versuchte ich sie zu fragen.

Ohne mir tatsächlich Beachtung zu schenken vermittelte mir ihr völliges Desinteresse an meiner Frage, dass es offensichtlich noch dauern würde.

Etwas verwirrt ließ sie mich zurück, und machte sich erneut auf den Weg in Richtung der anderen Räume. Meiner Chance hinterherlaufend, versuchte ich sie zu überzeugen mir einen anderen Termin zu geben, da ich inzwischen über 1 Stunde wartete.

Doch war ich ihr nach wie vor offenbar nicht wichtig genug um meiner Wenigkeit auch nur den Hauch von Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Ein mulmiges Gefühl im Magen, entschloss ich ihr besser nicht weiter zu folgen.

Und dennoch konnte ich kaum tatenlos zusehen, wie diese dicke kleine Diva mir meinen halben Tag raubt.

Ich war mir, dank der leeren Garderobe, nahezu sicher der einzige Patient, neben dem wortlosen Zimmerstürmer, zu sein, weshalb ich beschloss es wagen zu können ihr zu folgen.

Im Augenblick da sie in die Kurve des Ganges einbog, machte ich mich auf ihr zu folgen.

Ich kam mir schrecklich albern vor.

Meine Füße jedoch hatten den Plan ihr weiterhin zu folgen. Und als sie die Kurve hinter sich gelassen hatte und ich einen Blick auf den Gang warf, war ich ein wenig überrascht, lediglich eine einzig weitere Tür lag nun vor mir. Dort musste sie wohl drin verschwunden sein.

Doch noch bevor ich mir überlegen konnte, welch gute Ausrede ich hätte haben können, in ein Arztzimmer zu platzen, wo sich wahrschienlich gerade der Zimmerstürmer den wissenden Händen des Arztes hingab, nur um einen anderen Termin auszumachen, wurde ich heftig angerempelt und stieß grob gegen die Wand.

Als ich mich aufrappelte konnte ich noch das entstellte Gesicht der Frau sehen, was mich schrecklich erschaudern ließ, die kurz darauf in der geöffneten Tür verschwand. Das wirklich merkwürdige war jedoch, dass die alte Empfangsdame ihr die Tür aufhielt und mich erneut nicht eines Blickes würdigte. Hatte sie mich überhaupt bemerkt?

Die Frau mit dem vernarbtem Gesicht müsste mich ja wohl bemerkt haben.

Alles in mir war steif und angespannt, ich wusste nicht recht was ich tun sollte. Doch irgendetwas in mir, vielleicht eine Art Instinkt, bewegte mich dazu verschwinden zu wollen.

Im nächsten Moment sah ich mich wutentbrannt den Gang zurück durch die Eingangstür eilen, einen letzten Blick auf die verglaste Tür werfend, konnte ich noch die Alte sehen, wie sie an der Tür stand und sie schloss. Eine kleine Erleichterung machte sich breit außerhalb der Praxis wieder vermeintlich normalen Boden unter den Füßen zu haben, verlangsamte ich meine Schritte und machte mich auf in Richtung Zuhause.

Mich endlich wieder in meiner Berliner Einraumwohnung befindend, empfand ich das Erlebte als gar nicht mehr so fragwürdig. Der junge Mann der nicht grüßt, der unfreundlich besetzte Empfang, die lange Wartezeit, eine skurril vernarbt aussehende Frau – ein halbwegs typischer Arztbesuch könnte man meinen.

Vielleicht war ich auch derjenige der sich merkwürdig benahm. Schließlich stand dort extra in Blockbuchstaben man solle warten und werde aufgerufen.

In meiner Überlegung unschlüssig ging ich zu Bett und ließ den Schlaf sein Schleier des Vergessens über das Erlebte ausbreiten.

Am darauffolgenden Tag war ich mir noch immer nicht sicher ob ich möglicherweise einfach noch hätte warten sollen. Etwas frische Luft und ein paar gelaufene Meter würden mir sicher weiterhelfen. Also ging ich ohne groß zu überlegen in Richtung der Praxis. Im Moment da ich vor ihr stand, wusste ich nicht mehr recht wie weit ich überhaupt gelaufen war. Es kam mir vor, als wäre ich eben erst aus der Tür meiner Wohnung getreten.

Ich ging die Stufen zum Eingang hinauf.

Ein unangenehmes Kribbeln machte sich in meiner Magengegend breit als ich den ersten Schritt in den Raum tat. So wie ich die Empfangsdame einschätzte, die den Eindruck einer vom Leben gezeichneten Barfrau, die schon alles gehört und vieles gesehen hatte, machte, würde sie mich diesmal definitiv bemerken und kein gutes Haar an mir lassen.

Gedanklich ging ich bereits die möglichen Szenarien der Unterhaltung durch, überlegte mir Argumente mich zu rechtfertigen.

Doch verblüffender Weise war diesmal nicht nur die Abwesenheit von Patienten befremdlich, auch der Empfangstresen lag im Dunkeln. Vollkommen aus dem Konzept und einigermaßen verunsichert suchte ich einen Aushang oder Visitenkarten mit den Sprechzeiten darauf.

Erfolglos.

Ich stand einige Sekunden verloren und ohne einen Gedanken fassen zu können einfach nur da, inmitten dieser sonderbaren Atmosphäre völlig fehl am Platz zu sein.

Als ich mich wieder regte kam auch mein Gehirn wieder in Gang und ich beschloss diesmal nicht einfach zu verschwinden, nicht wegzulaufen. Nein, ich wollte abschließen, und dieser skurrilen Odyssee ein Ende bereiten.

Also ging ich festen Schrittes in Richtung des Raumes, an dem ich gestern gescheitert und davongeeilt war.

Trotz meiner Entschlossenheit spürte ich förmlich wie mit jedem Schritt ein kleines aber in meine Gedanken sprang. Aber was wenn die Tür verschlossen ist? Was wenn ich gleich erneut vor der dicken Dame stand, was wenn mir gleich der Doktor gegenüber stand und mich fragte was ich hier machte?

Zumindest bis direkt vor die Tür hielt meine Kraft. Dann kam ich ins Wanken..

Sollte ich wirklich einfach in den Räumen der Praxis stöbern nur um mir die Befriedigung zu verschaffen alles getan zu haben einen schnöden Arzttermin wahrgenommen zu haben?!

Und dennoch, für einen Moment dem Entschluss näher als dem Zweifel griff ich den Knauf, drehte ihn und drückte mit aller Macht gegen ihn.

Soll dahinter sein was will, ich muss durch diese Tür.

Gerade in dem Moment da sich der Rahmen und die Tür weit genug auseinander befanden um etwas dahinter erahnen zu können umfing mich wieder dieses seltsame Gefühl. Stärker dieses Mal, viel stärker, schmerzhaft reißend. Ich krümmte mich, so stark war der Schmerz im Magen. Und ehe ich noch einen weiteren Gedanken fassen konnte umfing mich Dunkelheit. Gedankenlose, allumfassende, alles erdrückende Dunkelheit.

Einen kurzen Moment war ich in der Dunkelheit bei klarem Verstand gefangen.Ich war klaren Verstands, da war ich sicher, denn die Szenerie erschien mir reichlich skuril. Ist das noch real? Wie kann etwas so schwarz sein. Auch nach einigen Augenblicken wollten meine Augen sich nicht an die außergewöhnliche Schwärze gewöhnen. Dann kam das Gefühl zurück. Ein kaltes klares, wie kühler Wind auf der Haut. Angst bahnte sich ihren Weg durch all meine Gedanken. Beinah fassbar war die Panik die mein Herz rasen ließ.

Und der Schmerz in der Magengegend kroch noch tiefer, durch mich hindruch. Als würde mich eine kalte Faust aus purer Angst durchstoßen.

Aus der Dunkelheit immer mehr in Richtung des Schmerzes und der Kälte gleitend spürte ich die Augen wieder aufschlagen zu können, oder zumindest wich das ansgteinflößend schwarze Umfeld fließend, wie Wasser auf einem Fenster, dem Licht.

Ich schaute in zwei tief schwarze Pupillen, eingerahmt in ein schimmernd stechendes Grau, in das hier und da goldene Sprenkler gefasst waren. Sie starrten mich an.

>>Geht es Ihnen gut?<<

Ich wagte es nicht zu antworten, nein, ich wusste nicht wie man antwortet. Mir fehlte jeder Wille zur Interaktion mit diesen mir so aufdringlich nahen Augen.

>>Ist er ansprechbar?<< dröhnte eine weiter Stimme hinter mir, vielmehr über mir, denn wie ich begriff lag ich auf dem Rücken. Kalte Nässe an den Beinen, den Armen .. und dazwischen ein heißes Dröhnen voll Schmerz. Einen Moment stutzte ich, denn bis eben noch hatte ich geglaubt den Schmerz in der absurden Schwärze zurückgelassen zu haben.

Ich wollte schreien, konnte es jedoch nicht. Ich wollte aufspringen und wegrennen, doch auch das war nicht möglich.

Langsam wuchs die Panik zu einem alles übertrumpfenden Klirren in Kopf und Herz.

>>Alles wird gut, Sie schaffen das!<< dröhnte es erneut hinter mir.

Ich wollte nachdenken, überlegen was hier passierte, mich aufrichten, die Situation endlich beenden.

Es war unerträglich! Und auf merkwürdige Weise beschämend.

Eine seltsam ruhige Traurigkeit wogte inmitten der Panik.

Ich spürte Tränen an meinem Gesicht herunterlaufen.

Ich hasste die Tränen, und ich begriff.

Ich hasste die Tränen – sie kitzelten meine Wangen.

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8 Kommentare auf "Das Wartezimmer (Rohfassung)"

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NympheImGemüsegarten
Gast

Ich stelle mir vor, dass sich so tiefe Depressionen anfühlen. Für mich ein sehr eindringlicher Text.

mrothsite
Gast

Ich finde deinen Text auch sehr gut. Oben schreibst du, dass du morgen vermutlich vor deinem PC sitzen wirst um etwas am Text zu verändern. Natürlich kannst du das tun, es ist schließlich deine Geschichte. Aber, ich finde sie so gut, wie du sie heute geschrieben hast.

derkomoediant
Gast

So viel Zuspruch! Herzlichsten Dank!

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DER FÜNFERLPRINZ einestimmesuchtandere
Gast

hi
auch kein privatpatient?
Gesetzlich versichte kennen dieses erleben, lach

derkomoediant
Gast

Die Idee kam mir im Wartezimmer meines Psychologen, und ja :D

oekonomie 2040
Gast

Liest sich flüssig und neugierig.

derkomoediant
Gast

Vielen Dank!

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