Zu zweit geht sichs besser

Zu zweit geht sichs besser

 

Kapitel 1


Der Geruch verriet mir bereits am Schalter, an dem ein junger Mann mir misguenstig meine Fahrkarte uebergab, dass es eine dieser praechtigen alten Dampflokomotiven sein wuerde.
Lange hatte ich meine Reise planen muessen, und da es mir nun etwas besser ging war es wohl auch Zeit diese anzutreten. Bevor ich jedoch einstieg, kontrollierte ich noch einmal meinen Koffer, auch wenn ich Letti eigentlich vertrauen konnte. Sie war oft so schrecklich sorglos was die Vorbereitungen anging.
Aber schließlich hatte sie diesen Ausflug schon von langer Hand geplant und sie wuerde sicher nicht riskieren ihn nicht unternehmen zu koennen.
Ich hingegen wollte doch lieber noch ein paar Tage warten , alles gruendlich durchdenken, sodass man Zeit haette sich gruendlich auf alle Eventualitaeten vorzubereiten.

Nun hatte sie aber schon sehr lange darauf gewartet endlich einmal die Pyramiden sehen zu duerfen und sie meinte ich koenne ein bisschen Abenteuer wohl vertragen.

Was genau jetzt aber so abenteuerlich an den Totenhaeusern laengst versunkener Kulturen sei, wollte ich auch jetzt noch nicht so ganz nachvollziehen koennen.

Ich bin sicher sie meinte es nur gut mit diesem Abenteuer, so wie ich es immer nur gut mit ihr meinte wenn ich ihr verbot so hoch zu springen oder so wild zu toben.


ach so gut kann das eigentlich nicht sein auf das ganze gute zu verzichten“ sagte sie jedes mal mit ihrer kleinen knorrigen Stimme.

Nun hatte ich mich jedoch ueberreden lassen unser kleines Wagnis einzugehen. Und dennoch war mir auch als wir unsere Plaetze in Beschlag nahmen noch nicht wohl bei dem Gedanken so weit zu reisen.

Zudem hatte sich kurz nachdem ich meinen Koffer auf die Gepaeckablage ueber uns gewuchtet hatte, eine zutiefst muerrisch dreinblickende dicke Dame zu uns gesetzt, welche verzweifelt versuchte beim Vertilgen ihres massigen Brotes nichts von der augenscheinlich großzuegig portionierten Soße zu verkleckern.

In dem Augenblick da ich mich setzte und ihr ins Gesicht schauen konnte, wurde mir klar, dass ich mir diesen Anblick ersparen moechte, und versuchte dem Gesehenen mit einem Schlaefchen aus dem Weg zu gehen.


„Nächster Halt: Kairo vorraus!“ schrie Letti.

Die Dame beaeugte Sie veraechtlich. Wie so oft sahen es die Leute nicht gern – ein alter Mann und ein kleines Homunculus Maedchen.

Kinderkram!“ „albernes Getier“ .. Auch wenn diese kleinen Kerlchen eigentlich zur Unterhaltung und Begleitung kleinerer Kinder gedacht waren, so empfand ich Letti als gute Freundin. Mehr noch!

Sie war mein staendiger Begleiter und ganz offizieller Unruhestifter.

Und als solcher hatte Letti gleich das halbe Zugabteil zusammengeschrien, da wir nun endlich in Kairo halten sollten.

Sicher war es im Grunde keine Reise im Umfang einer abenteuerlustigen Weltumsegelung. Vermutlich waere es fuer die meisten Menschen lediglich ein Wochenendausflug zum nahegelegenen Badepark oder Zoo. Schließlich wohnten wir lediglich ein paar Autostunden entfernt.

Doch fuer mich, mit fast 84 Jahren, war dieser kleine Sprung von den nur knapp zu erkennenden spitzen Zacken, welche den Horizont durchstoßen, hin zum staunenden Davorstehen und Hinaufblicken ein schier unvorstellbar fernes Ziel.

Am Bahnsteig angelangt, musste ich Letti nochmals darin erinnern, dass wir noch immer eine Weile fahren muessten.

Mit einem weiteren, etwas kleineren Zug, welcher an die Erkundungsbahnen in Vergnuegungsparks erinnerte, ging es nun ueberraschend rasant vorwaerts.

So kam ich mir, nach nervenzerreißenden quetsch-Arien um die besten Plaetze, in einem Abteil neben zwei Jungen, sie schienen sich gut zu kennen, ein bisschen einsam vor. Besonders da die beiden Jungen mich böse beaeugten.

Scheinbar hatte ich mit meinem aussehen nicht ihrem Bild eines alten Mannes entsprochen. Weshalb sie mich wohl ganz besonders grimmig anschauten.

Sie waren Freunde, da war ich jetzt ganz sicher, denn sie lachten und stießen sich mit dem Ellbogen an, so wie es nur Freunde taten. Sie lachten ueber mich, da war ich mir auch ganz sicher.

Der eine hielt immer seine Hand vor den Mund wenn er in das Ohr des anderen sprach. Ich hatte so getan als wuerde ich sie nicht bemerken, doch kam ich mir dabei sehr albern vor. Unsere Knie stoßen oft zusammen wenn die Jungen sich vor lachen schuettelten.
Wie haette ich sie da nicht bemerken koennen..

Nach einer Weile als ihr lautes Gelaechter aufhoeren zu schien, erlaubte ich es mir einen Moment lang zu ueberlegen was genau wohl so lustig sei.
Ich trug einen gruenen Kapuzenpullover mit eine schwarze Jeans mit allerlei Aufnaehern.
Meine Schuhe waren irgendeine Art Turnschuh die Letti mir ausgesucht hatte. „ Totschick! Toootschick!“ hatte sie gesagt.
Und ich fand sie hatte recht! Ich sah eigentlich kaum anders aus als die Jungs.

Kapitel 2

 

Obwohl ich fuer das Empfinden der meisten Menschen in dieser Welt schon recht alt war, so fuehlte ich mich noch immer wie ein Junge. Wie so einer, der nicht wusste wie er ein Maedchen ansprechen sollte das er mochte oder wie er den Mann mit den Luftballons fragen solle ob er einen haben koenne.
Und eben weil ich trotz meines Alters nicht wirklich wusste wie sich alte Maenner verhalten, geriet ich schon oefter mal in Schwierigkeiten dessen Ursprung wohl meist meine verrueckte Art war, obwohl ich anderen anscheinend reichlich merkwuerdig erschien, konnte ich selbst nichts verkehrtes an mir finden.
Ganz im Gegenteil, ich hatte eigentlich immer das Gefuehl viel richtiger zu sein als die vielen anderen.
Und solange mich die Menschen nicht sahen oder mit mir sprachen, schienen sie mich doch leiden zu koennen. Oder zumindest bemerkten sie nicht, dass sie mich nicht leiden konnten.

Was wohl auch dazu beitrug, dass ich mein Leben lang keine nennenswerten Freunde hatte. Zumindest keine die diesem Titel tatsaechlich entsprechen wuerden.

Bis auf meinen kleinen Homunculus hatte ich eigentlich niemanden, und der war nichts anderes als ein Mensch, nur eben ganz klein.


Sie maß von ihren Fueßen bis zum Kopf nur etwa 15 Zentimeter. was sie von Menschen in Normalgroßere unterschied war außerdem noch ihr duenner Koerper und die etwas zu langen Ohren. Etwa essloeffeldick war sie in ihrer Breite. Und die Arme und Beine waren so duenn, dass man meinen konnte es seien Bindfaeden.

Als wir also die Wueste mit unserer Miniaturbahn durchquerten, und die Umgebung immer mehr zur Einoede wurde, zupfte Letti mir an meinem Aermel:

sieh! Da! Ein zweite bahn!“

Und ich sah die zweite Bahn!

Es war ein riesiges Monster! Geformt wie eine zu prall gefuellte Bratwurst, und mit dem zerschrumpelten Gesicht eines Greises wurmte sich das Ungetuem auf uns zu!

Letti rief ich solle springen, doch zu spaet .. dieses Etwas hatte nicht nur unsere Bahn erreicht, es hielt sie einfach an indem es seinen massigen Wanzt auf den Gleisen niederlies.

Der Lokfuehrer rannte um sein Leben.

Ich, immernoch an meinem Platz sitzend, entschied mich Lettis Beispiel zu folgen, und machte mich, so schnell es meine alten Beine zuließen, auf den Weg den Wagon zu verlassen.

Was nun geschah, hatte ich jedoch nicht erwartet.

Waehrend alle anderen Passagiere die Beine in die Hand nahmen, um zwischen sich und dem riesigen Ungetuem moeglichst viel Abstand zu bringen.

Heh! Mann ganz alt!“ gurgelte eine Stimme.

Ich drehte mich in Richtung des fleischigen Riesenwurms.

Wohin geht nach Dreieckse? Spitz und alt. Du weißen?“

Ich verstand ihn sofort, und deutete in Richtung unserer urspruenglichen Fahrtrichtung, welche er uns noch vor Sekunden blockiert hatte.

Erleichtert den Klops moeglicherweise ebenso schnell wieder loszuwerden, wie er erschien, lies mich etwas aufatmen.

Doch da hoerte ich bereits das mir so bekannte vollmundige Schmatzen meiner kleinen Freundin, welches sie stets von sich gab, wenn sie etwas ausgeheckt hatte.

Große fleischige Schlange!“ schrie sie.

Koennten wir dich nicht begleiten?“

Mitkommen?“ grunzte der Klops.

Noch bevor ich einschreiten konnte, hatte Letti sich mit dem Dicken geeinigt und winkte mich hinauf auf seinen Rücken.

Trotz meines Protests, dass die Bahn uns noch immer an unser Ziel bringen koenne, ganz ohne Gewürm, wurde abgetan.

Der Wurmexpress schien Letti vergnueglicher.

Und damit war es beschlossen.

Waehrend also meine Fueße im dicken Schwabbel des Wurms Halt suchten, und ich begann seinen massigen Rumpf zu erklimmen, fragte ich mich, was dieser dicke Kerl wohl bei den Pyramiden wollte.

Kapitel 3 – Der Himbold

Ueberraschend schnell kamen wir vorran. Und wann immer sich die Gelegenheit bot, versuchte ich den nicht allzu gespraechigen Untersatz darueber auszuquetschen was er vor hatte.

Muss da sein“ war noch eine seiner aussagekraeftigsten Antworten.

Vom allgemeinen Uebermut ergriffen, fragte ich immer weiter.

Schließlich fand ich zumindest heraus, dass er Himbold hieß, und wohl ein Verwandter der in den Bergen lebenden Riesenregenwuermer war. Auch wenn sie außer der groben Form nicht viel gemein hatten, schien mir dieser etwas stumpfsinnige Riese ziemlich sicher die Wahrheit zu sagen.

Himbold aus dem Boldenhaus der Langen, so stellte er sich tief grunzend, doch ueberraschend eindeutig vor.

Das klang nach Adel, dachte ich bei mir. Eindeutig.

Letti hingegen jauchzte und johlte die ganze Zeit wegen der wilden Fahrt die der Himbold hinlegte.

Die beiden schienen sich gut zu verstehen, ganz ohne Worte.

Denn auch der Große hatte sichtlich Vergnuegen daran ueber den glatten Wuestensand zu pesen.

Da ich mich nun auf dem Ruecken eines adligen Riesenwurms mit meiner kleinen Freundin den Pyramiden naeherte, schien sich das Chaoes letztlich doch in Wohlgefallen aufzuloesen.

Wir wuerden die Pyramiden sehen und es wuerde wieder Ruhe einkehren in unsere kleine Welt. Zumindest bis Letti ihren naechsten Abenteuerplan schmiedete.

Als ich die Pyramiden endlich immer hoeher und hoeher vor mir in den Himmel wachsen sah, sagte ich beilaeufig zu mir selbst

die Pyramiden“.

Himbold machte einen merkwuerdigen Ruck und sagte:

Dreieckse“mit solchem Nachdruck, dass ich beinah von seinem Ruecken plumste.

Unsicher nickte ihm zustimmend zu.

Doch das schien ihm nicht zu genuegen

Dreieckse“ wiederholte er zudringlicher.

Pyramiden sagen wir dazu, ja“ stimmte ich erneut zu, und war heil froh als er nun zufrieden zu sein schien.

Nach einigen Augenblicken, da der Himbold die Pyramiden halb umkreist hatte, machte er endlich halt, und wir stiegen ab.

Vor den Pyramiden stehend ergriff Letti meine Hand.

schoen hier, nicht?“ raunte sie.

Ich schwieg einen Moment.

ist es dir denn nicht etwas zu unaufgeregt hier?“ wollte ich wissen.

Da schaltete sich der Himbold ein.

Dreieckse!“ blubberte er nun noch aufgeregter, sodass wir absteigen mussten.

Ich versicherte ihm, ihn verstanden zu haben, und wollte mich erneut Letti zuwenden, da begann der riesige Wurm sich zu winden und hin und her zu druecken.

Es war ein kurioser Anblick.

Als muesse er dringend auf die Toilette, so wand sich der riesige Fleischwurm auf dem Wuestensand.

Und er hoerte und hoerte nicht auf.

Immer weiter presste er seinen Leib auf den Grund und drueckte sich nach links und rechts.

Ich staunte nicht schlecht! Der dicke Kerl begann sich einzugraben, warum auch immer er es tat, er war wie in Ekstase.

Schließlich war nur noch sein schrumpeliges Gesicht an der Oberflaeche zu sehen.

Er grinste breit und schien sich furchtbar wohl zu fuehlen.

Ich vergaß nun voellig meinen Respekt und war neugierig „was treibst du da, Bursche?“ rief ich ihm zu.

Dreieckse! Meine!“ schlabberte er unverstaendlich.

Er erkannte dass ich nicht begriff was er meinte und er deutete auf die Pyramiden.

Da!“ donnerte er.

Und dann begann ich es zu sehen.

Ja, da! Tatsaechlich.

Inmitten der 3 großen Pyramiden, oder Dreieckse, wie er sie nannte, tauchten aus vielen tausenden schwammartigen Geweben, welche sich bis eben noch unterirdisch befanden, viele tausend schwabbelige Fleischwuerste auf.

Kleiner und blasser als ihr vermutlicher Erzeuger und noch ganz glasig, beinah durchsichtig wunden sich die Nachkommen des Himbolds aus dem Boldenhaus der Langen empor.

Eine ganze Dynastie kleiner Himbolde kroch nach und nach aus dem Erdreich empor.

Und als haette Letti gewusst was uns hier erwartete, kuendigte sie an „einen will ich mitnehmen, ihn Himbold nennen will ich! Und er wird unser Freund“ bestimmte sie.

Ich schwieg.

Ein neuer Freund war ein guter Grund zu schweigen.

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